Reisebericht von Siegfried Ester, Mai 2013

Folgt man dem Gambia River von der Küste aus etwa 200 Kilometer, dann erreicht man das Dorf Sikunda. Dietmar Seidler, Mitinhaber eines elektrotechnischen Fachbetriebs in Taufkirchen bei München, der spontan und auf eigene Rechnung bereit war mit anzupacken (Zitat: „Endlich mal ein sinnvolles Projekt und das sogar mit sozialem Hintergrund!“), Hajo Schwan, Abgeordneter des Senior-Expert-Services aus Bonn, für dessen Mitarbeit der Verein lediglich Kost und Logis bezahlen musste, und ich, Siegfried Ester, als Vertreter von YIRABAH Gambia e. V. haben diese Reise im Mai 2013 unternommen, um eine Photovoltaikanlage auf das Dach des landwirtschaftlichen Zentrums von Sikunda zu installieren. Die Temperaturen liegen bei gut 40°C im Schatten, nachts kühlt es kaum ab.

Das Dorf ist bis dato weder an die öffentliche Stromversorgung angeschlossen, noch gibt es fließendes Wasser. Auch die hygienischen Bedingungen sind problematisch. Die Stromversorgung ist im ganzen Land ein großes Problem, da sie ausschließlich von den Generatoren des einzigen Energieversorgers NAWEC abhängt und häufig stundenlang der Strom ausfällt.

 

Das 2010 erbaute und seither laufend erweiterte Mühlengebäude besteht inzwischen aus acht Räumen. Hier befinden sich die von YIRABAH Gambia e. V. 2010 angeschaffte Ölmühle. 2012 konnte der Verein eine Hirsemühlen sowie eine Reisschälmaschine anschaffen, die ebenfalls hier untergebracht sind. Eine so genannte off-grid Photovoltaik-Anlage (Insellösung) soll in Zukunft dafür sorgen, dass ein Büro und ein Solarkiosk mit Kühl- und Gefrierschrank betrieben werden und die Räume beleuchtet werden können. Der Betrieb der landwirtschaftlichen Maschinen ist dann auch nach Einbruch der Dunkelheit möglich. Die Maschinen zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln tragen dazu bei, die eigenständige Versorgung mit Grundnahrungsmitteln abzusichern. Die Dorfbewohner bewirtschaften jetzt wieder zunehmend mehr Anbaufläche als noch vor zwei Jahren.

Bis zu unserer Ankunft und noch während unseres Aufenthalts waren umfangreiche Baumaßnahmen erforderlich, die von den Männern des Dorfes mit viel Einsatz erledigt wurden. Die Photovoltaikanlage, technisch unser bisher herausforderndstes Projekt, hatte einen Planungsvorlauf von etwa 18 Monaten. Da uns hierfür im Verein die Expertise fehlte, mussten wir uns Fachleute suchen. Über unsere langjährigen guten Beziehungen zur SOLUX-Service-GmbH in Taufkirchen, einer gemeinnützigen Institution, von der wir seit Anbeginn hunderte von solargespeisten SOLUX LED-50 Haushaltslampen bezogen (auch diesmal hatten wir wieder 120 Lampen im Gepäck, die uns in Gambia geradezu aus den Händen gerissen wurden), konstituierte sich schlussendlich ein Planungsteam aus dem dann das eingangs erwähnte Installationsteam hervorging.

Am Anfang stand die Bedarfsermittlung für die einzelnen Stromabnehmer, galt es doch, diese so präzise wie möglich zu definieren und darauf zu achten, dass die anzuschaffenden Geräte möglichst energieeffizient sind. Nach dieser Vorarbeit kam die Firma SolARenner aus Eresing bei München ins Spiel, die signalisierte, dass sie an einem derartigen Projekt in Afrika sehr interessiert sei. SolARenner erstellte einen detaillierten Plan, basierend auf den Umgebungsdaten wie geographische Lage Sikundas, durchschnittliche Sonnenscheindauer pro Monat sowie Temperaturverhältnisse (max. 53°C, min. 6°C und Durchschnitt 29°C). Der Plan ergab schlussendlich eine Tageskapazität von 6,4 KWh, die inklusive Reserven für bewölkte Tage für die geplanten Verbraucher ausreichend erschien. Nun konnte die Anlage in Auftrag gegeben werden.

Der Projektstart vor Ort verlief dann leider alles andere als reibungslos. Ein gestrichener Flug, nicht angekommenes Gepäck in dem sich wichtige Teile befanden, Autopannen in Gambia usw. haben uns die Arbeit nicht gerade erleichtert. Dabei hatten wir schon im Vorfeld genügend Schwierigkeiten mit den örtlichen Zollbehörden. Doch es gab auch viele positive Erfahrungen. Unsere gambischen Helfer waren nicht nur überaus hilfsbereit sondern auch sehr aufnahmebereit und lernwillig und damit binnen kürzester Zeit sehr wertvolle Helfer. Deren Verhalten hat uns auch überzeugt, dass sie in Zukunft, wenn sie alleine für die Anlage verantwortlich sind, gut klarkommen werden. Sie waren es dann auch, die unter Anleitung von Hajo Schwan die Trägerkonstruktion auf dem Dach und später auch die Solarpanels auf dem Dach montierten. Zwischendurch erhielten sie Lehrstunden über Solartechnik und die zu installierenden Steuereinheiten. Sehr aufwändig war die Installation der Batterien, die jeweils etwa 80 Kilo wiegen und wegen der Gefahr auslaufender Säure mit größter Sorgfalt aufgestellt werden mussten. Parallel dazu installierte Dietmar Seidler die gesamte Elektrik ausgehend vom Verteilerkasten im Solar-Power-Raum. Selbstverständlich kamen dabei energiesparende Leuchtstofflampen zur Anwendung. Auch er hatte tatkräftige und kompetente gambische Unterstützung. Leider wurde seine Arbeit erschwert durch fehlendes Werkzeug, das sich im immer noch fehlenden Koffer befand. Dieser erreichte erst einen Tag vor der geplanten Abreise den Flughafen in Banjul, was zu einer Aufenthaltsverlängerung um einige Tage führte.

Als der vermisste Koffer mit den restlichen Teilen endlich da war, konnte die finale Installation der Steuerungs- und Überwachungsgeräte erfolgen. Dann kam der große Moment: Würde alles funktionieren und bei „Power on“ alle Lampen erleuchten, sowie die Geräte ihren Betrieb aufnehmen? Unter dem riesigen Jubel der Bewohner – uns eingeschlossen ging das Licht an. Spontan wurde ein Dorfmeeting organisiert, bei dem sich die Dorfältesten und eine Frauendelegation herzlich für unsere Unterstützung bedankten, aber auch Wünsche für zukünftige Projekte äußerten. So ist zum Beispiel die Trinkwasserversorgung in Sikunda völlig unzureichend. Und schließlich gab es ein Einweihungsfest. Wir besorgten hunderte der in Gambia sehr beliebten gefrorenen Fruchtsaftgetränke und bestückten damit die neue Kühltruhe. Im Nu waren diese unter Jubelgesängen und Tanzeinlagen vergriffen und die Menschen bekamen dabei einen Vorgeschmack darauf, wie Sonnenenergie das tägliche Leben erleichtern kann. Künftig werden zwei Frauen des Dorfes im Solarkiosk gekühlte Artikel des täglichen Bedarfs verkaufen und damit ihre Haushaltskasse aufbessern sowie Überschüsse in die örtliche Vereinskasse für neue Investitionen einzahlen können.

Schon zu Beginn der Installationsarbeiten hatten die für die Gebäude verantwortlichen Dorfbewohner vorgeschlagen, wegen der Werte, die auf dem Areal jetzt stehen, das Gebäude mit einer Mauer und kontrolliertem Zugang zu versehen. Gesagt, getan. In kürzester Zeit waren aus Sand, Zement und Wasser mit Hilfe einer Gussform hunderte von Mauersteinen gefertigt und an der Sonne getrocknet. Die Mauer war noch vor unserer Abreise fertig und bunt bemalt: damit auswärtige Kunden sehen, wo sie Erdnüssen, Hirse oder Reis verarbeiten lassen können, sind die Maschinen jetzt auf die Mauer abgebildet.

Zwischendurch durften wir alle ein weiteres Großereignis miterleben: Der von der Bernhäuser Firma Limbächer und Limbächer gespendete Traktor Massey Ferguson 135 samt Anhänger, gespendet von Herrn Alber aus Stetten, kam unter großem Jubel der Dorfbewohner wohlbehalten in Sikunda an. Der Fahrer brauchte für die gut 150 km von Brikama nach Sikunda gerade mal fünf Stunden und bestand darauf, seinen Aufwand als seinen persönlichen, unentgeltlichen Beitrag zu unseren Projekten anzusehen (Anmerkung: eine Entlohnung hätte er sicher gut gebrauchen können, denn sein Monatseinkommen dürfte bei etwa 50 Euro liegen). Der Traktor wurde erst einmal von den Kindern und Jugendlichen eingeseift und blitzblank gewaschen. Dann wurde der Anhänger mit seiner ersten Fuhre beladen: einige Frauen unternahmen eine kleine Spritztour. Lange zuvor hatte die Dorfgemeinschaft schon eine Garage für den kostbaren Traktor gebaut.

Wir konnten abreisen in der Gewissheit, einen wichtigen Beitrag zur Selbstversorgung des Dorfes geleistet zu haben. Sikunda hat gute Chancen, einen bescheiden Wohlstand zu erreichen. Die herzliche Gastfreundschaft und die Dankbarkeit der Menschen war den Aufwand wert und dürfte allen Beteiligten in lebendiger Erinnerung bleiben. Die Beteiligung der Dorfbewohner an allen Arbeiten und die vielen Eigeninitiativen sind eine Bestätigung, dass unsere Hilfe in Sikunda wertgeschätzt wird.